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1985 (7) Heft 2

Grundlagenprobleme der Psychoanalyse

 


Editorial | Inhalt | Abstracts

Grundlagenprobleme der Psychoanalyse bilden den Schwerpunkt der Beiträge im vorliegenden Heft. Eingeleitet wurde in dieses Thema bereits durch einen Aufsatz in ANALYSE & KRITIK 1 /85.

Psychoanalyse ist ein Versuch zur Erweiterung und Professionalisierung der elementaren Fähigkeit, sich selbst und andere zu verstehen. Es ist deshalb nicht überraschend, daß common sense-Vorstellungen sowohl in die Psychoanalyse eingehen als auch von ihr verändert werden. Die Beziehungen zwischen psychoanalytischer und alltäglicher Begriffsbildung sind wechselseitig. Aus diesem Grunde kann es fruchtbar sein, common sense-Konstruktionen mit psychoanalytischen Modellen zu konfrontieren. Die Beiträge in diesem Heft belegen dies, indem sie für den common sense und die Psychoanalyse gleichermaßen relevante Phänomene arbeitsteilig untersuchen. Im Beitrag von A. Rorty werden common sense-Modelle vom Selbst und von Selbsttäuschung explizit gemacht und auf ihre Rationalität geprüft. R. Bittner, M. Cavell, M. Löw-Beer und B. Weidenhammer beschäftigen sich dagegen mit der psychoanalytischen Auffassung dieser Phänomene.

Der für die Psychoanalyse zentrale Begriff der "Selbsttäuschung" ist auch unter philosophischen Gesichtspunkten ein anziehendes Phänomen. So scheint der Zustand der Selbsttäuschung zwar faktisch weit verbreitet, aus begrifflichen Gründen aber unmöglich zu sein. Denn der Satz "Ich täusche mich über den Sachverhalt, daß p" scheint zu implizieren, daß ich von p weiß. Wie kann ich mich dann aber über p täuschen? Einmal angenommen, Selbsttäuschung sei möglich. Dann setzt dieser Begriff eine bestimmte Auffassung von Person voraus. Mit Bezug auf eine Person, die völlig diskontinuierlich lebt und keinerlei Konsistenzforderungen an sich stellt, verlöre der Begriff "Selbsttäuschung" jeden Sinn. Eine solche Person würde es ja nicht kümmern, daß sie widersprüchliche Meinungen hat. Anders ein rationales Selbst: es ist bestrebt, Widersprüche aufzulösen bzw. zu vermeiden.

A. Rorty meint, daß beide Konzeptionen des Selbst in modernen Gesellschaften verankert sind. Es gibt sowohl Situationen, in denen gefordert ist, daß die eine Hand nicht weiß, was die andere tut: dem entspricht das Konzept des fraktionierten Selbst - als auch Situationen, in denen Konsistenz angesagt ist, z. B. in wissenschaftlichen Zusammenhängen. Selbsttäuschung scheint nun aber in bezug auf beide Selbstkonzeptionen unmöglich. Das rationale Selbst kann nichts vor sich verbergen: es ist gezwungen, Widersprüche aufzulösen. Das fraktionierte Selbst dagegen braucht sich um widersprüchliche Meinungen überhaupt nicht zu kümmern: es hat keinen Grund, etwas vor sich zu verbergen, weil es keinen Konsistenzforderungen unterworfen ist. Rortys These ist nun, daß Selbsttäuschung dann zugeschrieben wird, wenn eine Person im Modus des fraktionierten Selbst sich in einer Situation befindet, die ein rationales Selbst erfordert.

R. Bittner kritisiert die psychoanalytische Auffassung von Selbsttäuschung in sinnkritischer Manier. Er nimmt in diesem Zusammenhang vor allem den Verdrängungsbegriff aufs Korn. Verdrängung sei kein sinnvoller Begriff, da weder angegeben werden könne, was verdrängt wird, noch wer die Verdrängung vollzieht, noch wozu verdrängt wird. M. Löw-Beer hält Bittners Überlegungen für eine Verunklärung eines relativ einfachen Sachverhalts und skizziert seinerseits eine rationale Rekonstruktion des Verdrängungsbegriffs. M. Cavell zeigt, daß aus der Psychoanalyse ungewöhnliche, aber plausible Modelle von Irrationalität zu gewinnen sind. Die üblichen Konzeptionen setzen voraus, daß Personen differenzierte intentionale psychische Zustände, wie Meinungen, Gefühle oder Intentionen haben, und daß bloß das Verhältnis dieser Zustände zueinander bzw. zum Verhalten der betreffenden Person durch Rationalität oder Irrationalität zu kennzeichnen ist. Demgegenüber argumentiert Cavell, daß Freud - in seinen Ausführungen über Primärprozesse - einen Zustand psychischer Undifferenziertheit konzipiert, in dem Personen z. B. Überhaupt keinen Unterschied zwischen Wünschen und Wunscherfüllungen machen können.

B. Weidenhammer schließlich untersucht Aspekte des Selbstbegriffs, der innerhalb der Psychoanalyse einen immer wichtiger werdenden Stellenwert einnimmt. Sie versucht zu klären, was unter "Selbststörungen" und ihrer Aufhebung zu verstehen ist und vertritt die These, daß unter selbstpsychologischen Prämissen bei der Therapie phänomenologische Gesichtspunkte mehr in den Vordergrund treten.

Der Beitrag von A. Leist gehört zu dem thematischen Schwerpunkt Soziologische und analytische Handlungstheorie. Er diskutiert - wie in ANALYSE & KRITIK 1 /85 angekündigt - einige zentrale Thesen aus dem Buch von R. Tuomela "A Theory of Social Action". Die Diskussion über dieses Buch werden wir im nächsten Heft fortsetzen.

Zusammengestellt und betreut wurden die Aufsätze zur Psychoanalyse von unserem Freund und Kollegen Martin Löw-Beer.

 

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