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1986 (8) Heft 2

Methodologischer Individualismus

 


Editorial | Inhalt | Abstracts

Es gehört auch heute noch zu den Grundüberzeugungen vieler Soziologen, daß sich das Phänomen gesellschaftlicher Ordnung nicht auf Annahmen und Theorien über Individuen und individuelles Handeln zürückführen läßt. IndiViduelle Eigenschaften und Handlungen werden im Gegenteil selbst als einer soziologischen Erklärung bedürftig angesehen. Jeder "Individualismus" wird von diesen Soziologen deshalb strikt abgelehnt, sei es als methodologisches, normatives oder empirisches Programm. Gesellschaftliche Strukturen und Prozesse können nach ihrer Auffassung nur "normativistisch" oder "holistisch" erklärt werden. Oft betrachtet man individualistische Ansätze aber nicht nur in explanativer Hinsicht als unzureichend, sondern verdächtigt sie darüber hinaus der ideologischen Parteinahme für die bürgerliche Gesellschaft und ihren spezifischen, nutzenorientierten "Besitzindividualismus". Vertreter des "methodologischen lndividualismus" fordern im Gegensatz dazu, daß Individuen, ihre Eigenschaften und Interessen, Überzeugungen und Handlungen, Grundlage jeder sozialwissenschaftlichen Theoriebildung sein müssen. Sie kritisieren ihrerseits an holistischen Konzepten, daß sie überindividuelle soziale Strukturen nur ad hoc postulieren und ernstzunehmende Alternativen zu individualistischen Erklärungen solcher Strukturen nicht anbieten können. Darüber hinaus formulieren sie nicht selten ebenfalls einen Ideologieverdacht, der bis zu dem Vorwurf "kollektivistischer" Tendenzen reichen kann. Demgegenüber sollen individualistische Erklärungen ein gewisses Ausmaß an individueller Urheberschaft gegenüber sozialen Phänomenen zum Ausdruck bringen und somit zu einer Begründung starker individueller Rechte beitragen. Einen wichtigen Ausgangspunkt in der individualistischen Tradition bildet die Erkenntnis, daß viele soziale Situationen eine problematische Struktur im Sinne des klassischen "Gefangenendilemmas" haben. Einerseits ist es in solchen Situationen für den einzelnen von einem Standpunkt individueller Interessenverfolgung nicht rational, kooperatives Handeln zu wählen. Andererseits führt aber erst kooperatives Handeln zu einem für alle Beteiligten vorteilhaften Ergebnis. Diese Erkenntnis enthält sowohl einen Ansatz für die holistische Kritik - individualistische Konzepte könnten demnach das Phänomen der sozialen Ordnung nicht erklären - als auch die grundlegende Fragestellung für das individualistische Forschungsprogramm selbst: Wie können stabile soziale Institutionen auf dem Hintergrund dieser dilemmatischen Ausgangssituation entstehen? Wie ist kooperatives Handeln mit dem Modell rationaler Interessenverfolgung zu erklären? Solche und ähnliche Probleme stehen auch im Mittelpunkt der Beiträge zu diesem Heft. Sie erörtern von einem individualistischen Standpunkt dabei nicht nur deskriptiv-explanative, sondern auch normativ-ethische Theorien und das mögliche Ergänzungsverhältnis zwischen deskriptivem und normativem Individualismus.

Eingeleitet wird die Diskussion zum methodologischen Individualismus durch den Aufsatz von Karl-Dieter Opp in ANALYSE & KRITIK 1 /86. Opp vertritt die These, daß das Konzept des "homo sociologicus" nur eine begrenzte empirische Bedeutung hat und als Spezialfall des allgemeinen individualistischen Verhaltensmodells betrachtet werden muß. Viktor Vanbergs Beitrag erörtert die normativen Grundlagen des modernen Liberalismus. Vanberg argumentiert, daß die Weiterentwicklung der Prämissen des klassischen Liberalismus zu einer Kontrakttheorie führt, deren Gegenstand nicht mehr nur Marktprozesse und individuelle Tauschhandlungen sind, sondern auch kollektive Handlungen und staatliche Institutionen. Ein solcher kontraktualistischer Liberalismus hat sowohl normative als auch explanative Bedeutung. Der Artikel von Hartmut Kliemt knüpft thematisch an Vanbergs Beitrag an. Kliemt zeigt, daß die Beziehung zwischen zentralen empirischen, methodologischen und epistemologischen Annahmen des Individualismus und Liberalismus klärungsbedürftig ist. Rainer Hegselmann, Werner Raub und Thomas Voss erörtern Möglichkeiten für eine individualistische Erklärung und Begründung moralischer Institutionen. Eine Verteidigung des sozialwissenschaftlichen Individualismus gegen kritische Einwände stellen die Beiträge von Alfred Bohnen und Christel Hopf dar. Sie setzen sich vor allem mit Parsons auseinander, dessen Kritik am Individualismus den Beginn der starken anti-individualistischen Strömung in der modernen Soziologie markiert. In dem abschließenden Aufsatz antwortet Raimo Tuomela auf die Diskussion über sein Buch "A Theory of Social Action". Gegenstand dieses Buchs ist u. a. eine individualistisch orientierte Analyse kollektiver Handlungen. Die einzelnen Beiträge zu dieser Diskussion sind in den Heften 1 /85, 2 /85 und 1 /86 von ANALYSE & KRITIK erschienen.

 

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