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1992 (14) Heft 2

James S. Coleman's "Foundations of Social Theory" I

 


Editorial | Inhalt | Abstracts

James S. Colemans "Foundations of Social Theory" werden in ihrer Bedeutung für die Sozialwissenschaften von manchen mit Talcott Parsons' "Structure of Social Action" verglichen. Während jedoch Parsons mit seiner ,voluntaristischen Handlungstheorie, ein neues Paradigma für die Soziologie begründen wollte, stützt sich Coleman auf die ökonomische Theorie rationalen Handelns, die auch in der Soziologie bereits eine Forschungstradition hat. Anstatt eine grundsätzliche Neuerung in die Wege zu leiten, könnte sich die Bedeutung der Foundations of Social Theory deshalb eher darin erweisen, das ökonomische Paradigma in der Soziologie endgültig als kontinuierlich voranschreitende Normalwissenschaft zu etablieren. Der ökonomische Ansatz wird sich zwar auch weiterhin grundsätzlicher Kritik ausgesetzt sehen und wie jede wissenschaftliche Theorie mit ungelösten Rätseln und Anomalien zu kämpfen haben. Colemans Werk könnte diesem Ansatz aber durch seine integrative Kraft, seine theoretische Tragweite und Detailfülle einen erheblichen Vorsprung gegenüber konkurrierenden Ansätzen verschaffen.

Die "Foundations of Social Theory" vollziehen den Übergang vom Grundlagenstreit zur normalwissenschaftlichen Forschungspraxis durch eine beeindruckende Vielzahl von theoretischen Anwendungen sowie ihre Präzisierungen in formalen Modellen. Sie umfassen die klassischen Kernfragen der Soziologie, wie das Verhältnis von System- und Handlungsebene, die Entstehung sozialer Ordnung und die Analyse von soziologischen Grundbegriffen wie "Handlung", "Norm" oder "Organisation". Sie schließen die Untersuchung von Herrschaft, Macht, Recht, Vertrauen, Legitimität, Bürokratie oder Revolutionen ein und reichen bis hin zu Phänomenen wie Panik, Übereifer, Trends, Mode oder Kindererziehung. In "Foundations of Social Theory" ist aber auch eine Theorie der modernen Gesellschaft enthalten, wonach die soziale Umwelt des Menschen sich zunehmend zu einer konstruierten Welt verwandelt, in der individuelle Akteure durch korporative Akteure dominiert werden. Unter diesen Verhältnissen könnten die Sozialwissenschaften als ein Instrument dienen, das die Konstruktion der sozialen Welt als einen zielgerichteten und durch menschliche Interessen kontrollierten Prozeß unterstützt. Colemans Werk umfaßt insofern nicht nur eine lehrbuchhaft anmutende Behandlung soziologischer Gegenstände, sondern auch ein engagiertes Plädoyer für ein praktisches Selbstverständnis der Soziologie.

Die Diskussion über die Grundlagen der Sozialtheorie wird im vorliegenden Heft eröffnet durch eine Einführung von James S. Coleman, in der er einen Überblick zu den wichtigsten Themen und Thesen seines Buches gibt sowie offene und weiterführende Fragen anspricht. Hartmut Esser würdigt die Leistung Colemans auf dem Hintergrund der gegenwärtigen soziologischen Theoriebildung und versucht, die mögliche Wirkung von Colemans Werk auf die Soziologie insgesamt einzuschätzen - mit einem eher skeptischen Ergebnis. Die folgenden Beiträge von Karl-Dieter Opp, Russell Hardin, Norman Braun und Werner Raub demonstrieren in unterschiedlicher Weise die Arbeit innerhalb des 'normalwissenschaftlichen' Forschungsprogramms, das durch die "Foundations of Social Theory" verkörpert wird. Opp ergänzt Colemans Erklärungsansatz von Mikro-Makro Übergängen um weitere Typen von Erklärungen und erörtert damit verbundene Probleme. In Hardins Aufsatz wird Colemans Rational Choice-Theorie von Vertrauensbeziehungen durch eine systematische Berücksichtigung von subjektivem Wissen erweitert. Hardin zeigt, wie die Fähigkeit zum Eingehen von Vertrauensbeziehungen wesentlich von individuellen Erfahrungs- und Lernprozessen abhängt. Braun erläutert, wie eine Erklärung von Vertrauensvergabe durch die Einbeziehung strategischer Interdependenz sowie altruistischer und moralischer Motive der beteiligten Akteure spieltheoretisch vertieft werden kann. Raubs Beitrag führt den Nachweis, daß eine Kombination von wiederholten Interaktionen und glaubwürdigen Festlegungen auch dann zu einer Stabilisierung von Vertrauen führen kann, wenn einer dieser Mechanismen allein dazu nicht in der Lage ist.

Die Artikel von Dennis C. Mueller und Peter Kappelhoff formulieren dagegen eine mehr oder weniger große Distanz zu Colemans Ansatz und Theorie. Mueller bezweifelt grundsätzlich, daß das ökonomische Modell rationalen Handelns als universelles Fundament für eine sozialwissenschaftliche Methodologie geeignet ist. Er konfrontiert es mit einem in seiner Sicht überlegenen Modell 'adaptiven, menschlichen Handelns' demgemäß Präferenzen und Verhaltensweisen durch Erfahrungen in der Vergangenheit konditioniert werden. Kappelhoff vertritt in seinem Beitrag die Auffassung, daß jeder Rational Choice-Ansatz notwendig scheitern muß, wenn er beansprucht, soziale Strukturen ausnahmslos aus individuell-rationalem Handeln zu erklären. "Das Soziale" bleibe in einem solchen Ansatz letztlich immer eine externe Rahmenbedingung, so daß man bei der Erklärung sozialer Strukturen zwangsläufig in einem unendlichen Regress ende.

Die Diskussion über "Foundations of Social Theory" wird im Heft 1/93 von ANALYSE & KRITIK mit Beiträgen von Peter M. Blau, Andreas Diekmann, Diego Gambetta, Michael Taylor und Raimo Tuomela sowie einer Replik von James S. Coleman fortgesetzt.

 

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