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2002 (24) Heft 1

Funktionalismus

 


Editorial | Inhalt | Abstracts

Vor gut 50 Jahren wurde die amerikanische Soziologie fast vollständig von T. Parsons' Programm des 'strukturellen Funktionalismus' dominiert. Erst in den 1960er Jahren begann das strukturfunktionale Programm an Einfluss zu verlieren, als seine auf Bestanderhalt und Stabilität ausgerichtete Grundidee mit der sich rapide verändernden Gesellschaft des sich verschärfenden Vietnamkriegs, der black-power-Bewegung und der Studentenrevolte in zunehmenden Widerspruch geriet. Starke Armut und einseitige Machtverteilung, politischer Widerstand und soziale Konflikte schienen einerseits unleugbar manifest, andererseits nicht ersichtlich 'funktional' für die Ziele der amerikanischen Gesellschaft. Mit Ausnahme des neofunktionalistischen Wiederbelebungsversuchs durch J. Alexander und der Systemtheorie N. Luhmanns hat es seither niemand mehr gewagt, in ähnlichem Stil ein gesamtgesellschaftliches Theoriemodell zu formulieren.

Dennoch ist die theoretische Anziehungskraft der Tradition des sozialen Funktionalismus nicht völlig verschwunden. Diese Anziehungskraft erklärt sich wohl daraus, dass eine genuine Sozialwissenschaft Gesetzeswissen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ermitteln sollte. Während individualistische und mikrosoziologische Erklärungsmodelle häufig den Rahmen einer common-sense-Soziologie nicht verlassen, scheint es holistischer und gesamtgesellschaftlicher Ansätze zu bedürfen, um wirklich überraschendes, an der Alltagserfahrung gemessen wirklich 'neues' Wissen zu erzeugen. Unter den soziologischen Klassikern war es vor allem Durkheim, der mit dem Begriff der 'organischen Solidarität' als Folge vermehrter Arbeitsteilung einen solchen auf gesamtgesellschaftliche Gesetze gezielten Anspruch sowohl markiert, wie in seiner biologistischen Analogiebildung angreifbar formuliert hat. Ob sich 'organische' Erhaltungsziele bei menschlichen Gesellschaften unterstellen lassen, ist offensichtlich höchst zweifelhaft.

Neben der Schwierigkeit, einen geeigneten Systembegriff zu finden, hat der soziologische Funktionalismus auch noch mit diversen Einwänden gegen das Konzept funktionaler Erklärungen zu kämpfen. Während die Sozialwissenschaften in den letzten Jahren bestenfalls Beispiele für funktionale Erklärungsversuche 'mittlerer Reichweite' kennen, fand und findet in der Philosophie eine reichhaltige Diskussion über Funktionen und funktionale Erklärungen statt - motiviert vor allem durch die Unverzichtbarkeit des Redens von mentalen Funktionen in den Kognitionswissenschaften und in der Philosophie des Geistes.

Angesichts dieser Situation lassen sich die Beiträge in diesem Heft in drei Gruppen einteilen. Erstens in sozialwissenschaftliche Versuche, die Ansprüche des klassischen Strukturfunktionalismus historisch einzuordnen und in ihrer Begrenzung zu kritisieren. Zweitens in aktuelle Rehabilitationsversuche erneuerter, wenn auch nicht umfassend 'funktionalistischer', so doch funktionaler Erklärungsabsichten. Drittens in methodologische Klärungsversuche zu den Begriffen Funktion und funktionale Erklärung im allgemeinen.

Zur ersten Gruppe gehören Jürg Helbling und Gerry Mackie. Helbling entwirft einen theoriegeschichtlichen Abriss der europäischen Ethnologie im 20. Jahrhundert, wobei er sich als eines Anschauungs- und Testbeispiels der tribalen Kriege bedient. Demzufolge konnte der Funktionalismus, obwohl phasenweise in der Ethnologie ungewöhnlich dominant, solche Kriege nie zufriedenstellend erklären. Dazu sind individualistische Theorien strategischer Interaktion nötig, die in verschiedener Form den Funktionalismus in der heutigen Ethnologie abgelöst haben. Mackie hingegen kritisiert den Funktionalismus anhand einer anderen gesellschaftlichen Zentralinstitution, der Familie. Ihm zufolge widerlegen neuere entwicklungspsychologische und ethnologische Studien die Ansicht von Parsons' wonach die Familie eine 'Fabrik' sein sollte, die Persönlichkeiten 'produziert'. Auch ihm scheinen individualistische Erklärungen angemessener, insbesondere die spieltheoretische Erklärung von Konventionen nach der Logik von Koordinationsspielen.

Einer der Verteidiger funktionaler Erklärungen in den Sozialwissenschaften ist Harold Kincaid. Seiner Meinung nach sind funktionale Erklärungen eine spezielle, keineswegs mysteriöse Sorte von Kausalerklärungen und als solche in den Sozialwissenschaften unvermeidlich. Die letztere These versucht er anhand des provozierenden Nachweises zu belegen, dass auch ökonomische und spieltheoretische Erklärungen eine Sorte von funktionalen Erklärungen sind. Als solche sind sie ihm zufolge allerdings schlechte funktionale Erklärungen, weil sie den Bestand rationaler Präferenzen selbst nicht erklären können. K. Brad Wray erinnert an die einflussreiche Kritik an funktionalen Erklärungen seitens Jon Elsters und Daniel Little. Gestützt auf Kincaids Interpretation funktionaler Erklärungen will er zeigen, dass beispielsweise soziale Selektionsprozesse funktional analysiert werden können und müssen. Michael Bradie gibt einen kritischen Überblick zu Kincaids Analyse der Individualismus/Holismus-Problematik in den Sozialwissenschaften. Kincaid schlägt gegenüber den üblichen Entweder/Oder-Positionen eine pluralistische Haltung vor, die sich des Supervenienz-Begriffs bedient. Supervenienz bedeutet Abhängigkeit ohne Reduzierbarkeit, weshalb individualistische und holistische Erklärungen prinzipiell vereinbar sein können.

Der methodologische Artikel von Birgit Samson und Wolfgang Detel bietet einen Überblick zur philosophischen Diskussion des materialen, nicht-mathema-tischen Funktionenbegriffs bzw. funktionaler Erklärungen der letzten Jahre. Ausgehend von der Kritik durch Hempel und Nagel verteidigen sie den auf R. Milikan zurückgehenden Ansatz der 'Teleosemantik', der, obwohl genuin naturalistisch, in Gestalt der Theorie der 'Meme' auf soziale Sachverhalte erweiterbar sein soll. Peter McLaughlins Vorschlag unterstützt ein solches bio-soziales Verständnis von Funktionen, denn ihm zufolge verweisen Funktionen zurück auf das Wohl von Lebewesen.

 

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